Vom Zurechtfinden in einer ungewohnten Situation

12. Januar 2026
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Liebe Freunde, Fans und Wegbegleiter!

Habt ihr euch in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis auch hundertfach ein „Gutes Neues Jahr“ gewünscht? Ohne groß darüber nachzudenken, dass schon am nächsten Tag alles ganz anders aussehen kann?

Bei mir war es so. Der 2. Jänner 2026 wird mir nun ebenso in Erinnerung bleiben wie die Tage, an denen ich meine größten Erfolge feiern konnte. Es musste wohl so sein. Fast auf den Tag genau 10 Jahre lang bin ich Weltcuprennen gefahren, habe die Slalom-Kristallkugel sowie bei sechs Großereignissen sieben Medaillen in allen Farben geholt– und gedacht, alles gehe immer so weiter.

Und dann: Bei einem Schwung, der sich nicht anders angefühlt hat als 100.000 andere, die wir jedes Jahr bei Rennen und im Training fahren. Dann plötzlich ein Schlag, ein Sturz: Und in der Sekunde wird dir wie in einem bösen Traum klar: Jetzt ist alles anders.

Details – auch zur Verletzung und zur Operation – erspare ich euch, meinen herzlichen Dank habe ich allen Ersthelfern und vor allem dem tollen Ärzte- und Betreuungsteam an der Klinik in Hochrum ausgesprochen: Nun gehen meine Gedanken schon wieder nach vorne. Ich bin wieder zu Hause und bin gerade dabei, die kommenden Wochen so gut wie möglich zu planen. Ruhe, Erholung, sanfte Mobilisierung und dann Schritt für Schritt ein Wiederaufbau, der vor allem zwei Dinge brauchen wird, die nicht ganz meinem Naturell entsprechen: Viel Zeit und Geduld.

Aktuell erreichen mich viele Medienanfragen. Ich weiß um die Bedeutung der Medien im Spitzensport und schätze den respektvollen Austausch sehr. Gleichzeitig nehme ich mir die Freiheit, bewusst zu entscheiden, welche Anfragen ich annehme und in welchem Rahmen. Nicht jede Anfrage kann beantwortet werden. Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich mich dabei an dem orientiere, was mir persönlich guttut. Ergänzend habe ich mich dazu entschieden, ein Interview zu führen, um meine aktuelle Situation in meinen eigenen Worten einzuordnen. Dieses Gespräch soll einen kleinen Einblick geben.

J: Kannst du dich an den Sturz in allen Details erinnern, läuft da ein Film in dir ab?

Ihr könnt euch vorstellen, dass im Spital genug Zeit bleibt, den Ablauf wieder und wieder vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen– es hilft mir, um die Situation emotional verarbeiten zu können. Ja, ich erinnere mich gut. Wir Athletinnen sind durch ständiges Wiederholen unserer Bewegungsabläufe innerlich geschult. Irgendwann muss man aber sagen: Es ist gut. Ich habe verstanden. Jetzt gehen meine Gedanken wieder ins „Hier und Jetzt“ – und auch auf meine Zukunft.

K: Hast du sofort gewusst, dass die Verletzung so schwerwiegend ist?

Ja– jedenfalls schwerer als alles, was ich bisher zu diesem Thema erleben musste. Dazu muss ich aber auch sagen: Ich bin wirklich auch in dieser Situation dankbar dafür, dass ich zwei Jahrzehnte auf allen Leistungsstufen ohne schwerwiegende Verletzungen Rennen fahren durfte. Da mussten und müssen viele Athletinnen und Athleten ungleich bitterere Situationen durchmachen.

B: Was war schlimmer: Die körperlichen oder die seelischen Schmerzen?

Es gab beides in hoher Intensität, keine Frage. Gleichzeitig bin ich kein Mensch, der körperliche und seelische Schmerzen strikt voneinander trennt – für mich hängt alles zusammen. Es ist eine große Herausforderung, Schmerz in etwas Konstruktives zu verwandeln. Dieses Mal ist es mir besonders schwergefallen, alles einzuordnen. Es stehen viele Fragen im Raum, auf die es im Moment noch keine Antworten gibt. Ich spüre, dass es Zeit brauchen wird, damit sowohl die seelischen als auch die körperlichen Wunden heilen können. Was ich nun lerne, ist Geduld– und meinem Körper wie auch meiner Seele das zu geben, was sie brauchen, um einen guten und nachhaltigen Heilungsprozess zu ermöglichen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es Menschen gibt, die ungleich schwerere Situationen bewältigen müssen. Mir hilft der Gedanke, den eigenen Kummer nicht als Mittelpunkt des Weltgeschehens zu sehen und aus den Zeichen des Lebens für sich zu lernen.

L: Was war das Schlimmste in den Tagen danach?

Neben allen Fragen zum Heilungsprozess sicher die Gewissheit, dass ich die Olympischen Spiele in Cortina verpassen werde. An diesem magischen Ort, wo ich 2021 Doppelweltmeisterin gewordern bin, und zusätzlich die Bronzemedaille gewonnen habe. Bei diesem Gedanken ist schon die eine oder andere Träne geflossen. Natürlich habe ich mir dieses Großereignis ganz anders ausgemalt. Mein Training und die gesamte Saison waren auf dieses große Highlight ausgerichtet.

Z: Hast du dir Gedanken darüber gemacht, dass deine Karriere jetzt vielleicht auch vor- bei sein könnte?

Natürlich macht man sich solche Gedanken. Gleichzeitig ist das im Moment nicht der Fokus. Ich brauche jetzt all meine Kraft und Energie für eine optimale Genesung. Es geht mir um eine vollständige und umfassende Heilung. Ich bin zu optimistisch, zu jung und habe noch viel zu viel vor. Mit jedem Tag spüre ich kleine Schritte in Richtung Gesundwerden, und male mir bereits aus wie ich lächelnd auf der Piste meine Schwünge ziehe. Ich glaube und vertraue darauf, dass das Leben seinen Weg findet.

A: Wirst du dir in den nächsten Wochen die Rennen im Fernsehen anschauen, speziell die Olympischen Spiele?

Ich weiß noch nicht genau, wie ich es emotional verarbeiten werde, die Rennen zu sehen– vielleicht wird es mir an manchen Tagen leichter fallen, an anderen schwerer. Für mich ist das gerade eine sehr neue Situation und Perspektive. Ich möchte die Spiele offen wahrnehmen, als Einladung, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ich werde versuchen, die Freude und Energie der Sportlerinnen und Sportler mitzuerleben und mich von ihrem Einsatz inspirieren zu lassen. Manchmal wird es sicher emotional, aber ich glaube, dass genau diese Mischung aus Freude, Staunen und vielleicht auch Wehmut Teil des Prozesses ist– und mich lehrt, achtsam mit mir selbst zu sein und das Positive zu sehen. Es wird mir helfen, meine Teamkolleginnen anzufeuern und mich mit allen zu freuen, die sich mit Medaillengewinnen einen Lebenstraum erfüllen können. Das durfte ich zum Glück auch schon erleben.

R: Hast du schon einen konkreten REHA-Plan? Wann kannst du im günstigsten Fall wieder Rennen fahren?

Den Plan mache ja nicht ich– dafür gibt es Spezialisten, die sich um mich kümmern: allen voran Dr. Fink, der ÖSV und das Olympiazentrum Dornbirn. Dafür bin ich sehr dankbar. Einen festen Zeitplan festzulegen, würde bei einer solchen Verletzung keinen Sinn ergeben. Wichtiger ist, jeden Tag kleine Schritte nach vorne zu machen, dem eigenen Körper zu vertrauen und aufmerksam wahrzunehmen, was er braucht. Der Rest entwickelt sich von selbst. Mein Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt, auf Heilung, Geduld und darauf, Schritt für Schritt wieder zu wachsen.

Eure Katharina   😉